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Erste ausführliche Online-Grammatik der Bayrischen Sprache

Achtung, jetzt wird's amtlich staubtrocken. Wer sich schon immer mit sprachwissenschaftlichen Ausdrücken herumschlagen wollte oder insgeheim hoffte, mal eine vierhundert Seiten starke Grammatik des Südostkoreanischen unter dem Weihnachtsbaum zu finden, der ist hier goldrichtig.

Bei dem in München gesprochenen Bayrisch handelt es sich dialektgeographisch gesehen um einen regionalen mittelbairischen Dialekt der modernen Variante des Neuhochdeutschen. Die Dialekte des Deutschen, die je nach Ausprägung annähernd den Status einer eigenen Sprache haben, entwickelten sich parallel zur Entstehung des Hochdeutschen, woraus sich eine ständige Beeinflussung der dominierenden Sprache, des sogenannten Superstrats, in diesem Falle Hochdeutsch auf die Substratsprache, den Dialekt ergibt.

Die Unterschiede zwischen Dialekten betreffen phonologische, phonetische und lexikalische Merkmale, sowie die Grammatik, also die morphologische, syntaktische und textuelle Ebene des Sprachsystems. Ein Beispiel für einen morphologisch-lexikalischen Unterschied sei hier einmal die Form des Personalpronomens der 2. Person Plural im Nominativ, die im Deutschen 'ihr' lautet, im Bayrischen aber 'es' ('ihr seid schon wieder zu spät' - 'es sads schō wieda z'schbäd'). Dieser Unterschied ist nicht phonologisch, sondern hier liegen zwei verschiedene Grundformen vor. Für die Syntax sei genannt, daß der Nebensatz 'de wō des gsògt ham' mit diesem Satzanfang ('die *wo das gesagt haben') im Standarddeutschen nicht grammatisch korrekt wäre.

Die Unterschiede in der Grammatik sind allerdings weniger ausgeprägt, als die der Phonologie und Prosodie sowie eventuell die des Lexikons ('schlechtes Bier' und 'Blembe'). Das Bayrische in München, das die Grundlage für unseren Bayrischkurs darstellt, unterscheidet sich grammatisch nur minimal von den anderen mittelbairischen Dialekten.

Kurze artikulatorische Phonetik des Bayrischen

Lautschrift

Um über die Aussprache des Bayrischen reden zu können, ist es notwendig, eine Lautschrift zu verwenden, die der besonderen Aussprache Rechnung trägt. Wir versuchen, die für diese Grammatik verwendete Lautschrift so einfach und gleichzeitig verständlich wie möglich zu halten. Dies ist vor allem deshalb notwendig, da es leider noch keine standardisierte Orthografie für das Bayrische gibt. Es ist im nachfolgenden allerdings nicht vermeidbar, auf sprachwissenschaftliche Ausdrücke zurückzugreifen.

Beschreibung der Vokale und Konsonanten

Wir verzichten bewusst darauf, eine Vielzahl von Sonderzeichen für die schriftliche Darstellung der Aussprache von Wörtern im Bayrischen zu verwenden. Im Gegenteil versuchen wir, die Aussprache so darzustellen, wie Sie sie aus dem Schriftdeutschen gewohnt sind. Die folgenden orthografischen Besonderheiten müssen jedoch aus wissenschaftlicher Genauigkeit erwähnt werden:

Vokale

  • a und o werden offen und hell ausgesprochen, wie z.B. 'Faggl' ('Fackel') und 'Ros' ('Roß')
  • à und ò werden geschlossen und hell ausgesprochen, wie z.B. 'Fàgge' ('Ferkel') und 'Sògga' ('Socken')
  • ā und ō werden lang und dunkel gesprochen, wie z.B. 'Sāg' ('Sarg') und 'sōg' ('sage')
  • Zu den standardsprachlichen vorderen gerundeten Vokalen 'ü' und 'ö' gibt es im Bayrischen keine Entsprechung. Diese werden ohne Lippenrundung ausgesprochen, also 'i' z.B. 'iba' für 'über', 'Gligg' für 'Glück' oder 'meng' für 'mögen' und 'kenna' für 'können'

Konsonanten

  • Harte Konsonanten wie 'p, t, k' werden eher weich ausgesprochen z.B. 'Bäda' statt 'Peter', 'Disch' statt 'Tisch'; regelmäßig gilt dies vor allem im Wortinneren zwischen Vokalen ('Teppich' - 'Debbich')
  • Weiche Konsonanten werden im Wortinneren zwischen Vokalen noch weicher ausgesprochen, wie z.B. Kaiwe ('Kälbchen') oder Loàwe ('Laib')
  • Am Wortanfang werden im Bayrischen 'sp' zu 'schp' und 'st' zu 'schd'
  • Nach Vokalen, vor allem nach 'e' und 'i' tendiert das 'r' dazu, wie 'eà' bzw. 'ià' ausgesprochen zu werden, d.h. das 'r' wird vokalisiert. Steht das 'r' zwischen zwei Vokalen, wobei der erste Vokal ein 'a' ist, bleibt es erhalten ('warum'). Dennoch kommt es aber zur Diphthongierung des ersten Vokals, wenn es kein 'a' ist: 'Leàrarin' - 'Lehrerin'
  • Auch das 'l' wird vokalisiert nach 'o' und 'u': 'Soidad' - 'Soldat', 'Schui' - 'Schule'

Weitere Besonderheiten des Bayrischen

Diphthonge

Besondere Erwähnung benötigen die Diphthonge im Bayrischen.

Unter Diphthongen versteht man eine Folge von zwei Vokalen, die durch eine Übergangsphase (Transition) miteinander verbunden sind, z.B. 'Leute', 'speisen', 'dein' usw.

  • Überwiegend wird standardsprachliches Mittelhochdeutsch 'ei' im Bayrischen als 'oà' realisiert, d.h. der 'Stein' wird zum 'Schdoà', die 'Leiter' zur 'Loàdda'. Im Gegensatz dazu wird jedoch z.B. 'mein', 'dein' usw. nicht zu 'moà' etc., sondern bleibt 'mai', 'dai' und so weiter. Der Grund hierfür liegt in der Herkunft der Diphthonge im Mittelhochdeutschen, in diesem Fall auf 'ei' bzw. 'ou'. Das Bayrische entwickelte sich in diesen Bereichen anders als das Hochdeutsche
  • Ebenfalls werden standardsprachlich einfache Vokale wie 'i, u, ü' diphthongisiert zu 'ià' ('Krieg' zu 'Griàg'), 'u' zu 'uà' ('Wut' zu 'Wuàd') und 'ü' zu 'ià' ('Brüder' zu 'Briàda')
  • Historisch verhinderten 'ck, tz, pf' den Umlaut, deswegen heißt es 'Bruggn' für 'Brücke', 'nutsn' für 'nützen' und 'hupfa' für 'hüpfen'.

Spirantisierung

  • Zwischen Vokalen wird der bilabiale Plosivlaut 'b' zu einem stimmhaften bilabialen Frikativ 'w' ('Weiber' - 'Waiwa')

Tilgung und Assimilation

  • Kommt es zu einer Folge von Plosiv und Nasalkonsonant, wird der Nasalkonsonant zum Silbenträger und an die Artikulationsstelle des Plosivs assimiliert. Anschließend wird der Plosiv getilgt. ('haben' - 'ham', 'sagen' - 'sòng', 'baden' - 'bòn')

Tilgung von Nasalkonsonanten

  • Steht nach einem Vokal ein Nasalkonsonant (wie z.B. 'n') im Auslaut, wird dieser getilgt: 'schön' - 'sche', 'klein' - 'gloà', 'Mann' - 'Mò', 'an' - 'ò'

Prä- und Suffixe

Reduktion und Tilgung von Präfixen ('ge-')

  • vor Dauerlauten (=Vokale, m, n, r, l, h, v, f, s) wird 'ge-' auf 'g-' reduziert: 'gearbeitet' - 'gabad', 'gemacht' - 'gmachd' usw. Das Gleiche gilt für Substantive, Adjektive und Adverbien: 'Gesicht' - 'Gsichd', 'gesund' - 'gsund'
  • vor Plosiven (p,t,k,b,d,g) verschwindet 'ge-' ganz: 'gekocht' - 'kochd', 'getan' - 'doà', 'geblieben' - 'blim'

Reduktion und Tilgung von Suffixen ('-en')

  • Beim Suffix '-en' wird der Vokal '-e-' im Bayrischen regelmäßig getilgt und der Nasalkonsonant '-n' an die Artikulationsstelle des vorhergehenden Konsonanten assimiliert; ist dieser Konsonant ein Plosiv ('b,d,g'), so wird auch er getilgt: 'wir geben' - 'mià gem', 'wir legen' - 'mià leng' oder 'wir baden' - 'mià bon'
  • Nach einem Nasalkonsonanten bleibt der Vokal erhalten, wandelt sich aber zu '-a', in seltenen Fällen zu '-ga': 'wir schwimmen' - 'mià schwimma', 'wir gehen' - 'mià genga'

Die r-Vokalisierung

Durch die r-Vokalisierung wird die Aussprache von 'r' zu 'a': 'Vater' - 'Foda', 'Mutter' - 'Muàda', 'Bruder' - 'Bruàda'

Zwischen einem 'a' und einem folgenden Konsonanten kommt es zu einer Verschmelzung und zu einer Ersatzdehnung, die folglich als Langvokal geschrieben wird: 'Parlament' - 'baalament', 'ein warmes Bier' – 'a waams bià'.

Die l-Vokalisierung

Ebenso wie die r-Vokalisierung ist auch die l-Vokalisierung völlig generalisiert:

  • nach hinteren Vokalen (a, o, u): 'Soldat' - 'Soidad', 'er soll' - 'eà soi', 'Tulpe' - 'Duibbn', 'also' - 'oiso', 'kalt'- 'koid'
  • nach vorderen Vokalen (i, e): 'Milch' - 'Muich', 'viel' - 'fui', 'Brille' - 'Bruin', 'schnell' - 'schnei'

Morphologie (Wortbildung, Deklinationen und Konjugationen)

Wortarten und Flexionskategorien

Das Bayrische besitzt dieselben Wortarten wie das Deutsche. Dennoch gibt es einige Unterschiede in der Morphologie der Hauptwortarten und bei der Verwendung von Funktionswörtern.

Hauptwörter (Nomina)

Im Gegensatz zum Hochdeutschen gibt es in der bayrischen Sprache keine Hauptwörter auf '-e': 'Nase' - 'Nosn', 'Straße' - 'Strass', 'Suppe' - 'Subbn'.

Die zusätzlichen -n-Endungen erklären sich wahrscheinlich, wie zahlreiche -e- und -n-Bildungen der Standardsprache, als reanalysierte ehemalige Pluralformen.

Einzahl und Mehrzahl (Numerus)

Die Pluralregeln sind (wie im Deutschen) komplex und bilden eine Reihe von Klassen. Teilweise erkennt man Ein- oder Mehrzahl nur am Artikel ('das Kalb - die Kälber' - 'as kaiwe - d'kaiwe').

der Tag das Haus das Kind die Frau der Vogel der Fisch
Einz. da Dōg as Haus as Kind d'Frau da Fogl da Fisch
Mehrz. de Dōg d'Haisa d'Kinda d'Fraun d'Fegl d'Fisch
Regel: null uml+suf suf suf uml kurz

Abkürzungen: null = Nullableitung, uml = Umlaut, suf = Suffigierung, kurz = Kürzung

Die Wörter gehören dabei nicht immer denselben Klassen an wie im Deutschen: 'de dōg' ist im Bayrischen eine Nullableitung, im Deutschen eine Suffixbildung ('die Tage').

Fälle (Kasus)

Die drei bayrischen Fälle sind Nominativ, Dativ und Akkusativ. Der Genitiv wird gebildet aus der Präposition 'von' und dem Dativ ('as Bià fo dem Mō').

Kasus männl. weibl. sächl.
Nominativ da Noge d'Kuà des Haisl
Akkusativ den Noge de Kuà des Haisl
Dativ dem Noge deara Kuá dem Haisl

Wenn der Genitiv ein Besitzverhältnis anzeigt, so sagt man: 'am Schoàsch sai Zäanoge' - 'dem Georg sein Zehennagel' oder 'Georgs Zehennagel'.

Grammatisches Geschlecht (Genus)

Wie im Deutschen werden beim Nomen im Singular drei Genusklassen unterschieden, nämlich männlich, weiblich und sächlich: 'da Schdoà' - 'der Stein', 'd'Muich' - 'die Milch' und 'as Glasl' - 'das Glas'.

Verkleinerungsformen (Diminution)

Die Verkleinerungsformen des Bayrischen weichen von denen des Deutschen in deren Bedeutung überwiegend ab. Obwohl der Diminutiv häufig verwendet wird, hat er selten dieselbe Stellung wie im Hochdeutschen.

Prinzipiell gibt es nur '-l/-al' und den kindlichen Diminutiv auf '-i', der jedoch nicht immer angewendet werden kann.

Hochdeutsch Bayrisch -l/-al Bayrisch -i
das Männchen as Mandal
das Häuschen as Haisl/-al
das Frauchen (Weibchen) as Waiwal as Waiwi
das Kindchen as Kindl/-al
das Hundchen as Hundl/-al as Hundi
das Mädchen as Madl/Medal as Medi

Wie im übrigen deutschen Sprachgebiet wandeln Diminutivsuffixe den Genus in neutrales Geschlecht - außer bei bestimmten Formen der Eigennamen, im Unterschied zum Deutschen; hier drückt die Unterdrückung des Genuswechsels eindeutig eine positiv-affektive Konnotation aus:

Hochdeutsch Bayrisch
das Georgchen da Schoàschi, da Schoàschl, as Schoàschal
das Karlchen da Kali
das Seppchen da Säbbi, as Säbbal
das Fritzchen as Fritzal, da Fritzi
das Peterchen as Bädal
das Lieschen d'Lisi, as Lisal

Beim Diminutiv kommt es zu Irregularitäten mit Umlautformen, wie bei 'Haisl' von 'Haus'; der Diminutiv auf '-i' unterdrückt alle Umlautregeln.

Das Suffix '-al' erfordert den morphophonologischen Einschub eines homorganischen stimmlosen Lenis nach Nasalen, z.B. 'Mandal', 'Lampal' ('Männchen', 'Lämmchen'). Das ist eine invertierte Regel, weil sie sich auf den früheren Verlust von Lenes nach Nasalen im Althochdeutschen gründet: 'zant', 'lamp'. Die heutige Regel wird in jedem passenden Kontext realisiert, z.B. in 'Wain-d-al', 'Kan-d-l', 'Hen-d-l' ('Wein-chen, Känn-chen, Hähn-chen').

Soziopragmatik von Verkleinerungsformen

Wie bereits erwähnt, finden sich deutlich Unterschiede in Häufigkeit und Bedeutung von Diminutivformen; zum einen werden Diminutive im Bayrischen häufiger gebildet, zum anderen kommt es zu markierten Varianten, z.B. bei 'Haisl', das auch 'Toilette' bedeutet, während 'Haisal' ein 'kleines Haus' bezeichnet. Wie im romanischen oder griechischen Sprachraum wird der Diminutiv häufig auch soziopragmatisch genutzt, um Vertrautheit oder Zugeneigtheit zu erzeugen (diminutivum sociale). In diesen Fällen ist nicht Kleinheit, sondern emotionale Nähe für die Verwendung ausschlaggebend, so wie z.B. bei 'Schatzi'.

Die Produktivität des Diminutiv ist sehr hoch, wie man am Beispiel der französischen Entlehnung 'pot de chambre' ('Nachttopf') erkennen kann: im Bayrischen wird daraus mit Diminutiv das 'Bodschambal'. Zusätzlich können Formen gebildet werden, die im Hochdeutschen nicht möglich sind: 'Oàschal' im Gegensatz zu *'Ärschchen'. Im Hochdeutschen müsste dieser Ausdruck, wie viele andere Diminutive des Bayrischen, mit dem analytischen Zusatz 'klein', also 'kleiner Arsch' gebildet werden.

In Verbindung mit Zahlwörtern werden Formen gebildet wie 'a Zenal' ('ein Zehnerchen' = Zehnpfennigstück). Im Bereich der Münzen des Euro hat sich noch keine bekannte Neubildung ergeben.

Auch im Hochdeutschen ist der Diminutiv im Bereich der Verben bekannt: 'köcheln', 'hüsteln', usw. sind Formen mit metaphorischer Verkleinerung der Handlung. Im Bayrischen existieren zahlreiche beliebte Wortbildungen wie: 'busln' ('Küsschen geben'), 'goadln' ('im Garten arbeiten'), 'fuasln' ('Füsse aneinander reiben'), 'dawuzln' ('zerreiben') oder 'rumwuàschdln' ('herumtun'). Angeblich soll man schon so fantasievolle Bildungen wie 'bodschambaln' gehört haben...

Der Diminutiv auf '-i' ist wesentlich markierter und nur eingeschränkt verwendbar. Er ist der 'caretaker speech' (Ammensprache) zugeordnet, also ursprünglich an Kinder gerichtet (diminutivum puerile); 'da Buàwi' und 'as Madi' wird als klein und lieb empfunden, 'da hansi' ist auch lieb und klein, 'da Hansl' ist eher nur noch vertraut, nicht mehr unbedingt klein, 'as Hansal' aber ist pejorativ, wohl auch durch den Genuswechsel.

Diese Funktion wird außerhalb dieses affektiven Spezialbereichs nur noch im Rahmen von Liebe und Zuneigung erfüllt ('Schatzi'), während er in allen anderen Bereichen leicht pejorativen Charakter bekommt ('as Buàchi' - 'das (lächerliche) Büchlein').

Einige affektiv besetzte Wörter gibt es nur in der Diminutivform: 'a Busl' ('ein Kuß'), 'a wengal' ('ein wenig') und wie im Deutschen 'a bisal' ('ein bißchen').

Durch die soziopragmatische Funktion des Diminutivs und seinen in emotional-affektiver Rede reichen Gebrauch ist er weitgehend generalisiert, d.h. der Diminutiv wird nicht mehr als verändernd empfunden: 'as Buidl' ('das Bild'), 'as Glaidl' ('das Kleid'), 'as Liadl' ('das Lied'), 'as Schdoàndl' ('der Stein'). Vereinzelt führt er auch zu Derivationen, so etwa bei 'as Mandl' (lit. 'das Männchen') in der Bedeutung eines 'kauzig-komischen Mannes' bzw. einer kleinen 'mann-ähnlichen' Figur mit eher positiver Konnotierung.

Unterklasse 'Personennamen'

Im Gegensatz zum Deutschen werden in bayrischen Dialekten Personennamen mit dem bestimmten Artikel verwendet:

Hochdeutsch Bayrisch
Toni da Doni
Ludwig da Luggi, da Wiggal
Veronika d'Vroni
Hans hat Sepp seine Kuh gezeigt da Hansi hod dem Säbbi sai Kuà zoàgt

Dies trifft bei Ortsnamen und den meisten Ländernamen nicht zu: Bayan, Daitschland, Minga, etc.; vs. d'Schwaiz, da Kosovo...

Artikel und Demonstrativpronomina

Wie weiter oben angedeutet, wird die Nominalmorphologie fast ausschließlich an vorangestellten Artikel realisiert; von diesen gibt es zwei Hauptgruppen einen bestimmten und einen unbestimmten:

Best. Art. männl. weibl. sächl.
Sing. da Hund d'Flaschn as Bià

Die Artikel gehen historisch aus den Demonstrativpronomina hervor, die eigene Formen haben, die als Vollformen zu den vereinfachten Artikelformen gelten können. Durch den hohen Grammatikalisierungsgrad sind sie eben unbetonte Funktionswörter, die auch phonologisch reduziert wurden. Sie haben diese aber nicht abgelöst, sondern es gibt natürlich nach wie vor einen Satz an Demonstrativpronomina, der den Formen des deutschen Artikels ähnlicher ist:

Dem.-pron. männl. weibl. sächl.
Nom. dea Hund de Flaschn des Bià
Akk. den Hund de Flaschn des Bià
Dat. den Hund deà(ra) Flaschn den Bià

Diese Formen können korrekt mit 'dieser Hund', 'dieses Haus', 'diese Frau', etc. übersetzt werden. Im Vergleich mit den Artikeln wird die Verschiedenheit der ähnlichen Formen klar:

Demonstrativpronomen Artikel
Der trinkt noch Der Mann trinkt
Dea dringd no Da Mō dringd
Die bleibt auch zuhause Die Frau bleibt zuhause
De blaibt a dahoàm De Frau blaibt dahoàm

Das System der Deiktika ('hier', 'da', 'dort') ist nur zweistufig '(des) dò(da)', während 'hier' nicht existiert im Dialekt. Auch das neutrale Demonstrativpronomen 'des' wird deiktisch verwendet:

'Nim des doda!' - 'Nimm dieses hier!'

Demonstrativpronomina können auch nominal gebraucht werden:

Hochdeutsch Bayrisch
Der schläft Deà schlafd
Das ist mir egal Des is mià wuàschd
Sie ist da drinnen De is dò drin
Ihr ist kalt Deàra is koid

Im nominal gebrauchten Dativ Plural gibt es die Sonderformen 'dena' - 'denen', wie z.B. in 'gib dena a a Dsigräddn' ('Gib denen auch eine Zigarette') oder 'des is da Combjuda von dena' ('Das ist der Computer von denen').

Nominaler Gebrauch der Demonstrativpronomina:

Bestimmter Artikel männl. weibl. sächl.
Nom. deà de des
Akk. den de des
Dat. dem deàra dem
Plural
Nom./Akk. de de de
Dat. dena dena dena

Häufig verbindet sich das nominal gebrauchte Demonstrativpronomen mit dem Deiktikum 'dò' ('da'), wie in 'deà dò' ('der da'), um größere deiktische Entfernung auszudrücken. Ein Unterschied zwischen schwacher Deixis ('der') und starker Deixis ('dieser/jener') existiert nicht ausdrücklich, wenn man von der emphatischen Vokallängenunterschiedung ('de' vs. 'dee') und der Sonderform 'des dò dòadn' absieht.

Der unbestimmte Artikel

Der unbestimmte Artikel hat folgende Formen:

Unbest. Art. männl. weibl. sächl.
Nom. a Hund a Flaschn a Bià
Akk. an Hund a Flaschn a Bià
Dat. am Hund ana Flaschn am Bià

Es gibt keinen unbestimmten Artikel im Plural.

Eigenschaftswörter (Adjektive)

Adjektive werden im Deutschen nach sogenannter starker und schwacher Deklination mit dem Nomen und dem Artikel in Übereinstimmung gebracht; diese Einteilung findet sich auch im Bayrischen.

Unbest. männl. weibl. sächl.
Nom. a gloàna Hund a gloàne Flaschn a gloàns Bià
Akk. an gloàna Hund a gloàne Flaschn a gloàns Bià
Dat. an gloànan Hund ana gloàna Flaschn am gloàna Bià
Pl. gloàne Hund gloàne Flaschn gloàne Bià
       
Best. männl. weibl. sächl.
Nom. da gloàna Hund de gloàne Flaschn des gloàne Bià
Akk. den gloàna Hund de gloàne Flaschn des gloàne Bià
Dat. dem gloàna Hund da gloàna Flaschn dem gloàna Bià
Pl. gloàne Hund gloàne Flaschn gloàne Bià

Aber: 'a feschs Madl' ('eine hübsche junge Frau'), 'a frischs Bià' ('ein frisches Bier')

Vergleich (Komparation)

Die Komparation (Steigerung) als Eigenschaft der Adjektive; ist im Prinzip nicht von der deutschen verschieden (a, b), es kommt zu morphophonologischen Prozessen wie in b). Die l-Vokalisierung des Bayrischen greift auch bei Adjektiven mit auslautendem '-l', wie unter c):

a) schiàch schiàcha am schiàchsdn
sche schena am schensdn
lang länga am längsdn
b) wuid wuida am wuidasdn
fareggd fareggda am fareggdasdn
c) schnei schnäia am schnäisdn

Fürwörter (Pronomina)

Die Demonstrativpronomina wurden in einem früheren Abschnitt (Artikel und Demonstrativpronomina) behandelt.

Persönliche Fürwörter (Personalpronomina)

Das System der Personalpronomina im Dialekt zeichnet sich dadurch aus, daß es betonte Vollformen und reduzierte klitische Formen gibt. Vollformen sind eigene Funktionswörter und werden in betonter Position verwendet, Klitika sind keine eigenen Wörter, sondern an ein anderes Wort angehängt, im Bayrischen bei nachgestellter Postition an ein Verb (z.B. 'bis-d' - 'bist du'. 'ham-ma' - 'haben wir').

Pers. Nom. Akk. Dat.
1. Sing. i mi mià
2. Sing. du/-d di dià
3. Sing. männl. eà/-a eàm eàm
3. Sing. weibl. sie/-s sie
3. Sing. sächl. s/-as s s
1. Pl. mià/-ma uns/-s uns
2. Pl. ià bzw. es/-s aich aich
3. Pl. se/-s se eana

Als Höflichkeitsform wird die 3. Person verwendet.

Zusätzlich wird unterschieden zwischen emphatischen und gewöhnlichen Pronomina (ähnlich dem französischen 'moi, je vais au cinema'), aber mit unterscheidbaren Formen nur in der 1. und 2. Person Singular.

normal emphatisch
1. Pers. Sing. Dat. eà sogd's ma eà sogd's mià
2. Pers. Sing. Dat. eà sogd's da eà sogd's dià

Rückbezogene Fürwörter (Reflexivpronomina)

Die Reflexivpronomina verhalten sich bis auf eine Ausnahme regulär:

Singular Plural
1. Person I hòb mi mià ham uns
2. Person du hòsd di ià habts aich
3. Person eà hòd se se ham se

In unmittelbarer Kombination des Reflexivums der 3. Person Singular mit dem Personalpronomen der 3. Person Neutrum kommt es zur Dissimilation beider Pronomina: ‚se’ wird ‚sa’:

'wià sa se gheàt' - 'wie es sich gehört' im Gegensatz zu 'es gheàt se' - 'es gehört sich'.

Besitzanzeigende Fürwörter (Possessivpronomina)

Die nachfolgenden Formen der bayrischen Possessivpronomina weisen keine formalen Besonderheiten auf. Zu einigen Eigenarten der Verwendung vergleichen Sie das Kapitel über Syntax.

Bei den nominalisierten Possessivpronomina entwickelten sich zwei Formen, zum einen die in den Tabellen unten angeführten wie in ‚des is maina’ - ‚das ist meiner’ und zum anderen ein derivierter bei Artikelverwendung wie in ‚des is da Mainige’ - ‚das ist der Meinige’.

1. Pers. Sing. männl. weibl. sächl. Plural
Nom. mai mai mai maine
Akk. main mai mai maine
Dat. main maina main maine
Nominalisiert maina maine mains maine
         
2. Pers. Sing. männl. weibl. sächl. Plural
Nom. dai dai dai daine
Akk. dain dai dai daine
Dat. dain daina dain daine
Nominalisiert daina daine dains daine
         
3. Pers. Sing. männl. weibl. sächl. Plural
Nom. sai sai sai saine
Akk. sain sai sai saine
Dat. sain saina sain saine
Nominalisiert saina saine sains saine
         
3. Pers. Sing. Fem. männl. weibl. sächl. Plural
Nom. iàre
Akk. iàn iàre
Dat. iàn iàra iàn iàre
Nominalisiert iàra iàre iàs iàre
1. Pers. Plural männl. weibl. sächl. Plural
Nom. unsa unsa unsa unsare
Akk. unsan unsa unsa unsare
Dat. unsan unsara unsan unsare
Nominalisiert unsara unsare unsas unsare
         
2. Pers. Plural männl. weibl. sächl. Plural
Nom. aia aia aia aire
Akk. ain aia aia aire
Dat. aian aira aian aire
Nominalisiert aiara aire aias aire
3. Pers. Plural männl. weibl. sächl. Plural
Nom. eàna eàna eàna eànare
Akk. eànan eàna eàna eànare
Dat. eànan eànara eànan eànare
Nominalisiert eànara eànare eànas eànare

Fragewörter (Interrogativpronomina)

Nom. wer weà
was wos
Akk. wen wen
Dat. wem wem
welcher, welches, welche weicha, weichs, weiche; (auch) wos fiar (a) ...
weswegen wega wos, zweng(s) wos
wessen wem sai
wieso, warum wiàso, warum

Die deutschen Pronomina 'worauf, -raus, -her, -hin' werden analytisch dargestellt:

Bayrisch Hochdeutsch
wo ... hi wohin
fo wo woher
an wos woran
aus wos woraus
auf wos worauf

Beispiele:

Bayrisch Hochdeutsch
Wo gäsd'n du hi? Wo gehst du denn hin?
Fo wo kummsd'n du heà? Woher kommst du denn?
An wos dengsd'n grōd? Woran denkst du denn gerade?
Aus wos is'n des gmachd? Woraus ist das gemacht?
Auf wos hädsd'n Lust? Worauf hättest du Lust?

Unbestimmte Fürwörter (Indefinitpronomina)

Die unbestimmten Fürwörter ‚olle, mancha, iàgandweiche, a jeda, koàna, koàne, mer(a(ne))’ und die nur nominal gebrauchten ‚iàgandwos, iàgandweà, neàmde, neàmads, nix’ zeigen keine Unterschiede zum Hochdeutschen. Lediglich die Endungen von ‚meà(ra)’ unterscheiden sich teilweise im normalen, regelmäßig aber im prädikativen und nominalen Gebrauch: ‚Haid hosd meà(ra) bià drunga wià gesdan’ (‚Du hast heute mehr Bier getrunken als gestern’), ‚Waiswiàschd hod’s gesdan mera gem’ (‚Weißwürste hat es gestern mehr gegeben’) und ‚I hob da doch merane higlegd’ (‚Ich habe dir doch mehrere hingelegt’).

Zahlwörter – Grundzahlen und Ordnungszahlen (Numeralia und Ordinalia)

Bei den Grundzahlen unterscheidet man determinierende und nominale Formen:

Hochdeutsch Bayrisch
determinierend nominal
eins oàns oàna
zwei zwoà zwoà
drei drai drai
vier fià fiàre
fünf fümf fümfe
sechs sex sexe
sieben sim simme
acht āchd āchde
neun nain naine
zehn zen zene
elf äif äife
zwölf zweif zweife
dreizehn draizen draizene
vierzehn fiàzen fiàzene
fünfzehn fuchzen fuchzene
sechzehn sechzen sechzene
siebzehn sibzen sibzene
achtzehn achzen achzene
neunzehn nainzen nainzene
zwanzig zwanzg zwanzge
dreißig draisg draisge
vierzig fiàzg fiàzge
fünfzig fuchzg fuchzge

Die Numeralkomposita benötigen ein Interfix ‚-a-‚ bzw. ‚-ra-‚:

Hochdeutsch Bayrisch
einundzwanzig oànazwanzg
zweiundzwanzig zwoàrazwanzg
dreiundzwanzig draiazwanzg
vierundzwanzig fiàrazwanzg
fünfundzwanzig fümfazwanzg
sechsundzwanzig sexazwanzg

Die höheren Zahlen sind ohne Besonderheiten:

Hochdeutsch Bayrisch
hundert hundad
tausend dausnd

Die Ordnungszahlen sind den Deutschen äquivalent:

Hochdeutsch Bayrisch
der erste da eàsde
der zweite da zwoàdde
der dritte da dridde
der vierte da fiàdde
der einunddreißigste da oànadraissigsde

Verben

Im Bayrischen existieren nur zwei synthetisch gebildete Verbformen: der ('i gä' - 'ich gehe') und den Konjunktiv ('i gangad' - 'ich ginge'). Alle anderen Verbformen werden analytisch, also mittels Zuhilfenahme von Auxiliarverben gebildet.

Der Rückgang der synthetischen Verbbildung im Bayrischen ermöglicht es, daß auch die Grundformen wie Präsens Indikativ analytisch ausgedrückt werden können: 'i duà kocha' ('ich tue kochen') statt 'i koch' ('ich koche'). Dasselbe gilt auch für die Konditional-Formen: 'i dad schraim' für 'i schraibad'.

Besonderheiten bei Verben

Die Konjugation des bayrischen Verbs lautet im Normalfall:

Inf. macha Part. Perf. gmachd
       
1.Pers. Sing. i mach 1.Pers. Plur. mià macha(n)
2.Pers. Sing. du machsd 2.Pers. Plur. ià/es machds
3.Pers.Sing. eà/sie machd 3.Pers. Plur. sie macha(n)

Die Verben zeigen im Bayrischen ungewöhnliche Formen. Es ereignet sich eine Längung des Vokals in der 1. Person Singular und der deutsche Umlaut für die 2. und 3. Person Singular fehlt.

Inf. laffa Part. Perf. glaffa
       
1.Pers. Sing. i laf 1.Pers. Pl. mià laffa
2.Pers. Sing. du lafsd 2.Pers. Pl. ià/es lafds
3.Pers. Sing. eà/sie lafd 3.Pers. Pl. sie laffa

Plosive und Obstruenten im Wortanlaut (p,t,k,b,d,g und z [ts]) verhindern die Präfigierung mit 'ge-' beim Partizip Perfekt:

p- Inf. plärrn Part. Perf. plärrt
t- Inf. dringa Part. Perf. drunga
k- Inf. kocha Part. Perf. kochd
b- Inf. bschdein Part. Perf. bschdeid
d- Inf. duschn Part. Perf. duschd
g- Inf. gem Part. Perf. gem
z- Inf. zupfa Part. Perf. zupfd

Die Klasse der auf '-gen' endenden Verben wie 'sagen, tragen, klagen' wird invertiert zu '-ng':

Inf. song Part. Perf. gsògd
       
1. Pers. Sing. i sòg 1. Pers. Pl. mia song
2. Pers. Sing. du sògsd 2. Pers. Pl. ià/es sògds
3. Pers. Sing. ea/si sògd 3. Pers. Pl. sie song

Auf '-t' auslautende Verbstämme erhalten den harten Auslaut: 'eà huast' ('er hustet'), 'eà hairat' ('er heiratet').

Auf palatalen Nasalvokal endende Verben zeigen irreguläre Bildungen der Form -nga(n)' in der 1., 3. Pers. Plur. und im Part. Perf.:

Inf. ge Part. Perf. ganga
       
1. Pers. Sing. i gä 1. Pers. Pl. mià genga
2. Pers. Sing. du gäsd 2. Pers. Pl. ià/es gäz
3. Pers. Sing. ea/si gäd 3. Pers. Pl. sie gengan

Die Hilfsverben sind irregulär, nämlich 'weàn', 'sai', 'hom'; Das Hilfsverb 'doà' ist regulär mit Ausnahme des Partizip Perfekt.

Inf. sai Part. Perf. gwen/gwesn
       
1. Pers. Sing. i bin 1. Pers. Pl. mià san
2. Pers. Sing. du bisd 2. Pers. Pl. ià/es sats
3. Pers. Sing. eà/si is 3. Pers. Pl. sie san
       
Inf. hom Part. Perf. ghabt
       
1. Pers. Sing. i hob 1. Pers. Pl. mià ham
2. Pers. Sing. du hosd 2. Pers. Pl. ià/es habts
3. Pers. Sing. eà/sie hod 3. Pers. Pl. sie ham
       
Inf. weàn Part. Perf. woàn
1. Pers. Sing. i weà(d) 1. Pers. Pl. mià weàn
2. Pers. Sing. du weàsd 2. Pers. Pl. ià/es weàds
3. Pers. Sing. eà/sie weàd 3. Pers. Pl. sie weàn

'weàn' bildet in Verbindung mit Klitika Sonderformen: 'mià weàn', aber 'weàma' (im Gegensatz zu 'weàn mià').

Inf. doà Part. Perf. do
       
1. Pers. Sing. i duà 1. Pers. Pl. mià deàn
2. Pers. Sing. du duàsd 2. Pers. Pl. ià/es deàds
3. Pers. Sing. eà/sie duàd 3. Pers. Pl. sie deàn

Modalverben

Die Konjugationen der Modalverben ('woin, soin, deàfa, miàsn, kenna, meng') ist regulär. Modalverben können im Konjunktiv auch synthetisch geformt werden ('i mächad, i kandad, i miàsad, i soidad, i woidad'). Die Verwendung des Konjunktivs bei Modalverben ist weit häufiger als bei lexikalischen Vollverben.

Die folgende Tabelle erklärt, welche Bedeutungen einzelne Modalverben haben, wenn sie als Ausdruck einer Vermutung verwendet werden.

Beispiel Bedeutung Grad der Vermutung
Deà muàs gesdan sein Spezi ogriàfa hom. Er hat gestern ganz sicher seinen Freund angerufen. sehr hoch
Deà deàfad gesdan sein Spezi ogriàfa hom. Er hat gestern wahrscheinlich seinen Freund angerufen. hoch
Deà mächad gesdan sein Spezi ogriàfa hom. Vielleicht hat er gestern seinen Freunden angerufen. mittel
Deà kandad gesdan sein Spezi ogriàfa hom. Möglicherweise hat er gestern seinen Freund angerufen. gering
Deà soidad gesdan sein Spezi ogriàfa hom. Jemand (z.B.seine Freundin) hat gesagt, dass er gestern seinen Freund angerufen hat. unwahrscheinlich
Deà wui gesdan sein Spezi ogriàfa hom. Er selber behauptet, dass er gestern seinen Freund angerufen hat. höchst unwahrscheinlich

TAM = Tense - Aspect - Mode

Alle TAM-Formen außer Präsens und Konditional werden durch Zuhilfenahme eines Auxiliar- oder Modularverbes gebildet, nämlich 'sai', 'hom', 'doà', 'weàn'. Es gibt kein Präteritum für Vollverben wie im Hochdeutschen.

Inf. song Part. Perf. gsògd
       
Indik. Präs. i sōg, i duà song Kond. Präs. i dad song, i sogad
Indik. Perf. i hob gsògd Kond. Perf. i häd, hädad gsògd
Indik. Fut. i weà song Kond. Fut. i dad song
Imperf. 2. Pers. sōg! Imperf. 1. Pers. songma!
Imperf. 2. Pers. Pl. sògd's! Imperf. 3. Pers. Pl. sògd's!
       
Inf. esn Part. Perf. gesn
       
Indik. Präs. i is Kond. Präs. i dad esn
Indik. Perf. i hob gesn Kond. Perf. i häd gesn, i esat
Indik. Fut. i weà esn Kond. Fut. i dad esn
Imperf. 2. Pers. is! Imperf. 1. Pers. es ma!
Imperf. 2. Pers. Pl. ests! Imperf. 3. Pers. esn's!
       
Inf. doà Part. Perf. do
       
Indik. Präs. i duà Kond. Präs. i dad
Indik. Perf. i hob doà Kond. Perf. i dad
Indik. Fut. i weà doà Kond. Fut. i dad
Imperf. 2. Pers. duà! Imperf. 1. Pers. deà ma!
Imperf. 2. Pers. Pl. deàds! Imperf. 3. Pers. deàn's!

Das Plusquamperfekt existiert in seiner eigentlichen Funktion nicht im Bayrischen. Es wird ersetzt durch die Formen des Partizip Perfekt. Möglicherweise ist durch die identische Bildung des Konjunktivs mit Auxiliar der Gebrauch gehemmt: 'ich war fort gegangen'; 'ich wäre fort gegangen' wird zu 'I wa(r) wegganga'.

Im Bayrischen existiert das "futurum exactum", das eine Referenz auf ein zukünftiges Ereignis im Nachhinein darstellt, z.B. 'Er wird das Bier schon getrunken haben' ist im Bayrischen ebenso formbar: 'Eà weàd des Bià scho drunga hom'.

Vergangenheitsform der Hilfs- und Umstandsverben (Auxiliar- und Modalverben)

Hilfs- und Umstandsverben werden ähnlich den deutschen Verbformen gebildet (die markierten Formen existieren nicht):

Verb Perfekt Präteritum
woin i hob ned dringa woin i woid ned dringa
soin i hob ned dringa soin i soid ned dringa
miàsn i hob ned dringa miàsn *i muàsd ned dringa
deàfa i hob ned dringa deàfa *i duàfd ned dringa
kenna i hob ned dringa kenna *i kond ned dringa
     
Verb Perfekt Präteritum
ham i hob's ned gheàd *i heàd's ned
sai i bin's ned gwen i wa's ned
doa i hob's ned doa *i dad's ned
wean i bin's ned woan *i wuad's ned

Lokativische Angaben und Präpositionen

Einige Präpositionen des Bayrischen ergeben aus Präposition und Artikel Sonderformen (Kontraktionsformen) des bestimmten Artikels: 'wäg'am bià' (Kausal), 'fo am bià' (Partitiv), 'new'am bià', 'foam bià' (Lokativ).

Lokativische Bedeutungen werden in der Verbmorphologie durch Verbpräfixe mit lokativischem Charakter ausgedrückt. Es gibt erweiterte Formen von Verbpräfixpaaren mit direktiver Bedeutung, von denen diejenigen auf '-e' den Standpunkt vor der Bewegung, die auf '-a' den Standpunkt nach der Bewegung beschreiben:

Hochdeutsch Bayrisch Hochdeutsch Bayrisch
Ich gehe hinauf I gä nauf/auffe Ich gehe herauf I gä auffa
Ich gehe hinaus I gä naus
Ich gehe hinunter I gä owe Ich gehe herunter I gä owa/nunda
Ich gehe hinüber I gä ume Ich gehe herüber I gä uma
Ich gehe hinein I gä nai
Ich gehe nach vorne I gä fiàre
Ich gehe nach hinten I gä hintre
Ich gehe davon I gä dafo
Ich gehe hin I gä hi
Ich gehe herum I gä umanand Er steht herum Ea städ umanand

Die folgenden Verbpräfixe drücken lokativische Bedeutung aus:

Hochdeutsch Bayrisch
Ich bin hier I bin do
Ich bin weg I bin weg(a)
Ich bin oben I bin om
Ich bin unten I bin undn
Ich bin drüben I bin drim

Wortbildung (Derivation und Komposition)

Im Bereich der Wortbildung durch Komposition und Derivation gelten prinzipiell die gleichen Regeln wie im Hochdeutschen.

Die dem Partizip Präsens des Deutschen entsprechenden Formen werden eher analytisch als synthetisch gebildet: 'das rennende Pferd' – 'des Pfeàdl wo rend', meist noch mit dem deiktischen Zusatz 'des Pfeàdl, des wo do rend'. Wenn die Form synthetisch gebildet wird, endet sie nicht auf '-end', sondern '-ad', wie z.B. 'der denkende Mensch' – 'da dengade Mensch'. Bei idiomatischen Ausdrücken ist sie lexikalisiert: 'a gschdingada Kās' – 'ein stinkender Käse'.